Vollbeschäftigung

Geschichtsbüchern entnehmen wir, dass es die V. einst wirklich gegeben
hat. Sie bezeichnet den paradiesischen Zustand einer Gesellschaft, die
morgens kollektiv zur Arbeit fährt und abends müde, aber glücklich
heimkehrt. Am Wochenende haben alle frei und Montags macht man auch
mal blau. Die Arbeit tauscht man gegen Geld, das Geld gegen Sachen,
und damit die Sachen nicht ausgehen, geht man wieder zur Arbeit und
stellt neue Sachen her: wirtschaftswissenschaftlich gesehen also eine
Katze, die sich in den Schwanz beißt. Dass all dies nicht mehr so
funktioniert, weiß seit Jahrzehnten eigentlich mit Ausnahme von
Regierungspolitikern jeder. "Das Ziel bleibt die Vollbeschäftigung",
sagen heute nur noch unbelehrbare Utopisten wie der -> Kaschmirkanzler.
Die Wahrheit wird dezent verschwiegen.

 

© aus: Bodo Mrozek,Lexikon der bedrohten Wörter. Rowohlt Verlag 2005, 224S.,8,90€.